Stefan Mannel, Toujours mȇme, Ausstellungskatalog Michael Haas, Berlin 2009

Stefan Mannel, Toujours mȇme, Ausstellungskatalog Michael Haas, Berlin 2009

Toujour même

Stefan Mannels Bilder erzählen keine Geschichten. Es sind vielmehr leise albtraumartige Sequenzen schemenhafter Geister.
Dünn und durchscheinend sind Tiere und menschliche Figuren mit müden (Acryl) farben auf eine rohe Leinwand aufgetragen und werden von dieser gleichsam angefressen. So können sich diese geisterhaften Erscheinungen gerade noch im „Nichtraum“ behaupten.

Unheimlich aber nicht bedrohlich, eher verletzlich muten die Gestalten an. Gesichtslos treten sie uns vor monochromen Hintergründen gegenüber und zeigen uns -wörtlich genommen- ihr Innerstes: Wunden, Verletzungen und durchsichtige Körperpartien mit darunter liegenden Gedärmen, Gerippen, Gebissen und eingenisteten Embryonen.
Dennoch geben sie nichts preis, die Erkenntnis bleibt aus. Vielmehr stellt sich ein Zustand der Leere, der Desorientierung und des Hungers, beziehungsweise Suchens ein: So dürfen die eintönig grauen Flugzeuge in der „Warteschleife“ nicht starten, der Magen der scheinbar erfolglosen „Anglerin“ ist leer, ebenso der Eimer in der „Fütterung“. Und der VW Bus, Symbol einer hoffnungsvollen optimistischen Zeit, steht, statt dem Horizont entgegenzufahren, quer auf einer düsteren Straße, im Fenster den gesichtslose Schatten eines Insassen

Handlungsunfähigkeit und Melancholie als Folge einer Hoffnung, die immer wieder neu entsteht und immer wieder enttäuscht wird, sind der Tenor in Mannels Bildern. Dies vermitteln nicht nur Thematik und die dargestellten Wesen, sie werden gleichermaßen manifest durch die behutsam- zurückhaltende Malweise und die stets gebrochene Farbgebung.
Es ist die enttäuschte Hoffnung der russischen Avantgarde, die scheibengesichtigen Bauern aus Malewitschs postsuprematistischem Spätwerk, die hier gleichsam als Nachruf auftauchen und sich als zombieartige Geister in einer „Malereiwüste“ der Gegenwart bewegen.
Das Okapi, das 1908 zeitgleich mit dem Beginn der Moderne entdeckte Tier fungiert hierbei als Metapher. Auch die Rolle der Hyäne ist ambivalent. Sie lebt im Matriarchat und tritt scheinbar als optimistischer Hoffnungsträger einer alternativen Lebensform und Möglichkeit der Veränderung auf. Aber für Mannel ist der sichtbare Embryo in ihrem Bauch kein Zeichen der Hoffnung, vielmehr der resignierten Feststellung, dass auch die kommenden Generationen nichts verändern werden. Auch das schnatternde Lachen der Hyäne, dass sie von sich gibt wenn sie Beute erlegt hat oder sich paart irritiert ihn. Meist bleibt der Hyäne das Lachen jedoch im Halse stecken, da sie damit erst die stärkeren Tiere anlockt, die sich dann über ihre Beute hermachen. Ihr bleiben nur die Reste, das Aas.
Das Lachen hat, wie Canetti in „Masse und Macht“ beschreibt, seinen Ursprung in der animalischen Freude an einer hilflosen Beute oder wahren Speise, als eine „symbolische Einverleibung“ . Diesen unheimlichen Aspekt des Lachens vermitteln auch, die im Röntgenblick gesehenen, an ein Lachen gemahnenden Gebisse des Okapi und des Pferdes.

Berlin, 2009

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