Ulrike Crespo, Nachtblüten

Ulrike Crespo, Nachtblüten

Nachtblüten

Wie nach dem morgendlichen Erwachen einsetzende, diffus fragmentarische Erinnerungen an einen seltsamen Traum, wirken die Nachtblüten in ihrer reduzierten, durchscheinenden Art und in ihrer kühlen Farblosigkeit. Sie sind angedeutet, abstrahiert und es tauchen zwischen den zarten feinen Blüten, die man bisweilen nur erahnen kann, immer wieder ein wenig wunderliche Figuren auf: Eine haarige, beinahe animalisch anmutende knöchern-sehnige Hand, die unbehaglich nach den Träumenden greift, das drahtig groteske Gespinst von Ästen mit den unentrinnbar darin verfangenen knolligen Beeren -oder sind es Köpfe?- und andere schemenhafte Arabesken aus fremden Welten. Sie sind zart und fragil.
Die Blüten, Zweige und Äste sind abgeschnitten, sie nehmen keine Flüssigkeit mehr auf, leben und treiben nicht mehr. Sie scheinen wie Schatten ihrer einstigen Welt und sind nur noch für einen kurzen Augenblick in ihrer melancholischen Schönheit zu bewundern.
Die Blumen sind ihres Saftes beraubt sowie ihrer Farbe, und damit ihrer Lieblichkeit. Doch sie haben sich auf eine andere, eine subtilere Ebene der Schönheit begeben. Wo sie reduziert sind auf ihre Essenz, die aus weichen organischen Formen besteht und unendlichen millefeuilleartigen Schichten, die knittrigem Seidenpapier ähneln. Der gefällige Aspekt ist unwichtig geworden, denn das Gegenständliche strebt zur Auflösung und ist daher schwerer zugänglich.
Manche Blüten wirken müde, scheinen zu entweichen im fahlen Licht, und zurück bleibt nur die Struktur der einzelnen Blüten und Blätter, das hauchzarte Gerippe und rußiger Staub, Spuren vergangener Üppigkeit. Diese erscheinen dafür umso detaillierter, jedes Härchen und Äderchen ist klar zu erkennen, so wie die weiche Textur der seidigen Blütenblätter mit ihren geschmeidigen Mulden. Ein Blütenkelch hat keine Dolden mehr, ist nur noch mattes Blütenblatt, reduziert auf sanfte Falten, wie ein geraffter staubiger Chiffonstoff.

Die Nacht ist dunkel oder verharrt auch schemenhaft im Halbdunkel.
Sie ist die fremde irreale Welt, in der sich der Mensch verliert in seinem Unterbewusstsein, und wo er auf sich selbst zurückgeworfen ist mit seinen Träumen und den Ausläufern des helllichten Tages. Hier beginnen die Nachtblüten zu blühen und zu treiben. Sie entfalten sich in einem kühlen Licht. Man kann die Blüten manchmal nur vermuten. Sie wirken dann wie einzelne dunkle Gedanken, die gedacht, aber rasch wieder verworfen wurden, weil sie zwar schön, aber zu rätselhaft waren. Im Reich der Träume gehen Märchen Hand in Hand mit den Chimären. Die Nacht ist zeit- und raumlos. Sie birgt alle Möglichkeiten, das Abenteuer aber auch den Abgrund, sie ist „heilig, unaussprechlich und geheimnisvoll“1 .

1. Novalis, Hymnen an die Nacht, 1. Hymne, 1799/1800.

Berlin, 2013

Nocturnal blossoms

In their reduced, transparent manner and their cool colorlessness, the nocturnal blossoms somehow resemble vague and fragmentary recollections of a strange dream we just about recall on waking up in the morning. They are hinted at, abstract, and amidst the delicate, fine blossoms, which can sometimes only be supposed, rather strange figures keep cropping up: A hairy, almost animal-like boney and sinewy hand, which reaches eerily for the dreamer, the grotesque,wiry network of branches with the knobby berries caught up in it—or are they heads?— and other sketchy arabesques from alien worlds. They are dainty and fragile.
The blossoms, twigs and branches are cut off, can no longer absorb fluids, do not live or sprout any more. They take the stage as shadows of their onetime world, and can only be admired for a brief moment in their melancholy beauty.
The blossoms are deprived not only of their juice but also of their color, and consequently their attractiveness. Yet they have moved onto another, more subtle level of beauty. One where they are reduced to their essence consisting of soft, organic forms and endless puff-pastry-like layers resembling crinkled tissue paper. The pleasing aspect has lost its relevance, because the real thing is striving towards disintegration, making it less accessible.
Some blossoms appear weary, seem to seep away in the pale light, leaving behind only the structure of the individual blooms and petals, the very dainty skeleton and dusty pollen, traces of past lushness. But now they seem all the more detailed, every tiny hair and vein is clearly visible, as is the velvety texture of the silky petals with their smooth hollows. A calyx has lost its umbel, is only a matt petal reduced to subtle folds, like a piece of dusty gathered chiffon.
The night is dark or remains in a sketchy semi-darkness. It is the alien, unreal world in which man loses himself in his subconscious, and is thrown back upon himself with his dreams and the remnants of the day’s broad daylight. It is here the night blossoms begin to blossom and sprout. They unfold in a cool light. Sometimes you can only guess at the presence of the blossoms. Then they appear like dark, individual thoughts, which are thought, but were swiftly rejected, because for all their beautiful, but they were too mysterious. In the realm of dreams fairy tales go hand in hand with chimera. The night is without time or space. It contains all manner of potential, both adventure and the abyss, it is “sacred, ineffable and mysterious”.

1) Novalis, Hymnen an die Nacht, 1. Hymne, (1799/1800).

Berlin, 2013

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